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18.7.1866

 


Janis und Nannerl in Paulshafen

Seku vom Schiff aus Gambia__Claude Lorrain, Hafenscene 

18. Juli 1866

Der erste Ferientag. Janis stand früh auf, packte einen Beutel mit Wäsche, Büchern und Proviant, ging noch mal durch die Schule um zu sehen ob alles aufgeräumt war und verließ das Haus. Er hatte sich mit Nannerl verabredet um ans Meer zu fahren und dort die Ferien zu verbringen. Nannerl war eine Waise, die im Pfarrershaushalt großgeworden und nun dem Gutsschreiber beim Ausfüllen der großen Hauptbücher half. Es machte ihr Spaß, und sie erzählte gern von der doppelten Buchführung, bei der man genau sehen konnte, wie alles ging, wo die Kosten zu groß waren, ob das Verhältnis von Futter und Milchertrag recht war, auch, ob genug Geld für die Bibliothek und die Schule erwirtschaftet wurde. Sie schien die Erkenntnisse aus der Bibelschule des Pfarrhauses auf ihre jetzige Arbeit anzuwenden, und brachte so eine Moral in die Führung des Gutes.

Er hatte ihr von seinem Ausflug mit Peterchen und dem Baron ans Meer erzählt, von dem neuen Getreidehafen, den frisch gebauten Häusern für Fischer und Seeleute, dem Namen Paulshafen, der durch die Verbindung zu einer kleinen Gemeinde Herrenhuter dort gewählt wurde. Sie war begeistert, und in weiteren Gesprächen faßten sie den Plan, dort den Sommer zu verbringen. Der Baron gab ihr drei Wochen frei und heute wollten sie los.

Nannerl wartete schon vor der Freitreppe an eine große Ulme gelehnt. Sie war schlank und groß mit langem braunen Zopf und das bestickte kurzärmelige Leinengewand stand ihr gut.

"Guten Morgen Nannerl" sagte Janis, "wie schön du aussiehst ."
"Wie kannst du so etwas sagen, Janis." Sie errötete leicht.
"Lass' uns lieber gehen. So wie du es schilderst, haben wir ein paar lange Stunden Marsch vor uns." Sie nahm ihren Rucksack auf.
"Na ich kann sowas sagen, weil es stimmt. Ich bin froh, daß du mitkommst. Deine Unterhaltung ist ein Vergnügen und die Augen haben auch etwas davon." 
Sie marschierten los, immer nach Westen. Die frühe Morgensonne warf die langen Schatten in gerader Richtung vor ihnen auf den Boden. Manchmal sah es so aus, als ob der weite schwingende Rock von Nannerl die Beine von Janis streifte. Leider nur der Schatten, dachte Janis. Ihm fiel die Geschichte vom Mann ohne Schatten ein, wie gut, daß er nie in die Versuchung gekommen war seinen Schatten zu verkaufen. Er mochte Nannerl, aber war zu schüchtern um an mehr als Freundschaft zwischen Gleichgesinnten zu denken. 

Als die Schatten ganz nach rechts gewandert waren, sie waren jetzt fast eins dachte Janis, kamen sie an einen Fluß, und fanden zwischen den Büschen ein freies Fleckchen um zu rasten. Nannerl holte ein schön gewebtes Linnen hervor und breitete es aus. Jeder tat seine Sachen drauf und so hatten sie Brot, Tomaten, Leberwurst, Äpfel und eine Flasche mit Birnensaft um sich nach fünfstündigem Marsch zu erholen. Der Fluß machte leichte Strudel über einer Untiefe, und ab und an schwamm ein Fisch an die Oberfläche um eine Mücke zu erhaschen. Glitzernde Libellen und langsame Hummeln surrten durch die Büsche und über den Wasserspiegel. Ein leichter Wind rauschte durch die hohen Kronen der Kiefern, Janis war glücklich. Nannerl auch, sie mochte Janis ebenso gern und freute sich darauf mit ihm zusammen im Meer zu schwimmen, den Hafen zu sehen, von den Abenteuern der Seeleute zu hören und Sprotten zu essen. Sie war nie weiter als die nächste Bezirksstadt gekommen, wo sie für das Gutskontor Schreibutensilien besorgt und die Verkaufsorder für Getreide dem englischen Handelshaus überbracht hatte. Sie bat Janis oft von seinen Reisen zu erzählen und hoffte dort im Hafen noch ganz andere Berichte, vielleicht sogar aus Afrika, wo der Herzog Jakob einst Kolonien in Gambia gegründet hatte, zu hören.

Am späten Nachmittag kamen sie an. Von der Flußmündung ging eine Mole ins Meer hinaus um den natürlichen Hafen zu schützen, am rechten Ufer stand das zweistöckige Zollhaus aus Stein, dann folgte die neue Stadt, auf geometrischem Straßenplan reihten sich die schmucken, neugebauten Holzhäuser, die weiß, grün, braun und gelb gestrichen waren. Zwei Straßen vom Hafen entfernt säumten Schule, Rathaus und Kirche eine quadratischen Platz. Sie setzten sich auf die Mole, aßen und tranken etwas und schauten aufs Meer. Es war herrlich. Am Strand standen Fischreiher, Möwen segelten hinter den Fischerbooten, in der Ferne zog ein Viermaster vorbei. 

Nach einer Weile standen sie auf um ihr Quartier zu suchen. Im Hafen lagen zwei Schiffe aus England, der Schoner lud Landmaschinen aus und vor der Ketch lagen große Wollballen für die englischen Spinnereien bestimmt. Die Fischerboote machten sich fertig um ihre Stellnetze übernacht auszubringen. Auf dem Kai saßen die Alten beim Netzflicken und um ein gerade eingelaufenes Boot scharten sich Hausfrauen um frischen Fisch zu kaufen. Ein guter Fang, sogar einige Regenbogenforellen und zwei große Lachse waren dabei. Aus einem Faß, daß er mit einer Schubkarre gebracht hatte, verkaufte ein Fischer lebende Aale, ein anderer hatte einen Korb voll geräucherter Neunaugen. Ein großes Fuhrwerk brachte neue Wollballen und ein anderes begann die Maschinen zu laden. Es waren schwere Lastwagen von vier Kaltblütern gezogen. Amtspersonen vom Zoll, Schreiber der verschiffenden Handelshäuser und die Kapitäne überwachten das Ein- und ausladen. Der Smutje der Ketch brachte eine Schubkarre voll Kartoffeln und aus einem Faßwagen wurde Frischwasser auf das Schiff gebracht. Einige Schiffsjungen polierten die Messingbeschläge, während andere Wäsche wuschen oder das Schiff reinigten. Auf der gegenüberliegenden Seite sah man eine Werft, auf der gerade ein Hunderttonner zum Stapellauf präpariert wurde und ein anderes Schiff schon das Spantengerippe zeigte. Daneben stand eine kleine Fabrik mit langem Schornstein. Auf der weißen Wand las man in schönen Sütterlinbuchstaben: Fabrik Feiner Geräucherter Sprotten von Gerhard Drücker.

Nannerl und Janis bogen nach rechts ab in die kleine Stadt. Sie folgten der Straße parallel zur Küste nach Norden und erreichten bald am Ortsausgang ein größeres Bauernhaus mit Ställen und Scheunen. Ein solide gebautes Haus aus schweren Balken, die gegen Verwitterung mit Öl dunkelbraun getönt waren. Fenster und Firste zeigten kunstvolle Schnitzereien, der Hof war sauber gefegt und eine Schar Hühner pickte in der Nähe des Misthaufens. Am Hofeingang stand eine große Linde und aus einem Anbau hörte man fröhliches Singen von jungen Stimmen. Der Hof gehörte dem Bauern Fritz Bergmann, Janis hatte ihn bei einem Besuch kennengelernt, weil er von dessen Interesse für Pädagogik gehört hatte, und Bergmann hatte ihn mit einer Begleitperson für den Sommer eingeladen. Der Bauer war Vorsteher der kleinen Zinzendorfer Gemeinde am Ort und predigte nicht nur Demut, Bescheidenheit, Nächstenliebe und Opfer, sondern half auch tatkräftig wo er konnte. Eines Tages hatte er ein vagabundierendes Kind aufgenommen, einen Jungen von circa acht Jahren, der aus seinen schräggestellten Augen freundlich blickte, aber sonst kaum verständig schien. Bergmann hatte fünf Kinder, tat ihn einfach dazu und nannte ihn Moses. Eins der Kinder nahm ihn immer mit, mal zum Unterricht, mal zum Füttern in den Stall, mal zum Heuen, mal um am Strand zu spielen. Moses blieb lange stumm und unbeholfen, konnte kaum die einfachsten Sachen tun oder auch nur ordentlich essen. Bergmann war schon ganz traurig geworden, weil er dem Kind nichts beibringen konnte. 

Eines Tages fragte der älteste Sohn, schon sechzehnjährig, ob er Moses mit aufs Meer zum Fischen nehmen dürfe. Das Meer sei ganz ruhig, und er würde ihm das Rudern beibringen. Er hatte nämlich bemerkt, daß Moses, immer wenn sie ihn suchten, am Strand saß und aufs Meer schaute. Fast sehnsüchtig. Es wurde erlaubt, obwohl Moses nicht schwimmen konnte, und die beiden zogen los. Der Älteste erzählte später, daß Moses, kaum im Boot, glücklich zu strahlen anfing, und nach einer Weile nach den zwei übrigen Rudern griff. Es war wohl zu schwierig die beiden Ruder zugleich einzutauchen, und sie hatten dann zu zweit auf einer Bank sitzend jeder mit einem Ruder gerudert. Erst ging es lange in Schlangenlinien, aber plötzlich fing Moses an, den Takt zu finden, und sie ruderten die Küste entlang bis sie völlig erschöpft waren.

Seither hatte Moses sich verändert, er fing an wenige Worte zu sprechen, konnte trinken ohne zu schlabbern, half bei den täglichen Versorgungen der Tiere und lernte die fünf ersten Buchstaben des Alphabets. Mit der Zeit sprach es sich rum, daß Bauer Bergmann eine gute Hand mit Kindern hätte, die sonst zu nichts nutze seien, und man bat ihn noch andere gegen ein geringes Entgeld aufzunehmen. Bergmann willigte ein, und dachte bei sich, daß ist nicht mein Verdienst, sondern die Hilfe des weiten Meeres, das mit seinen ewig rollenden Wellen die Kinderseelen öffnete. Demütig und bescheiden erzog er die Schützlinge, und wenn sie erwachsen waren gab es oft einige darunter, die nicht nur alles Landwirtschaftliche beherrschten, sondern auch die schönen Choräle von Paul Gerhard singen konnten.

Als sie kurz von dem Haus standen kam Bauer Bergmann aus dem Stall, wo er gemolken hatte mit einem großen Eimer Milch in der Hand und begrüßte Nannerl und Janis.

"Wie schön, daß ihr da seid, und die junge Dame besonders sei mir willkommen. Die Zimmer sind schon hergerichtet, ihr werdet müde sein und euch waschen wollen."
Janis stellte Nannerl vor und sie gingen ins Haus. Beim Abendessen trafen sich alle an dem großen runden Tisch im Anbau neben der Küche. Bauer Bergmann und Frau, die fünf Kinder, der Älteste hatte inzwischen geheiratet und saß neben seiner Frau, dann sieben Zöglinge, ein junger Mann dessen Kleidung ihn als Zimmermann auswies und ein Student, der, wie sich beim Vorstellen herausstellte, Kunst und Musik studiert hatte und hier entsprechenden Unterricht gab. Nach dem Tischgebet halfen einige, ohne daß eine feste Ordnung zu erkennen war, die Speisen aufzutragen, die Milchsuppe, dann die gesottenen Möhren in Rahmsauce mit Salzkartoffeln. Im Gespräch erwähnte Bergmann, daß er extra für diesen großen runden Tisch den Anbau gefertigt hatte, er wollte, daß alle im Kreis sitzen konnten und keiner oben oder unten an der Tafel.

Am nächsten morgen standen sie früh auf und gingen zum Strand. Bergmann hatte ihnen erzählt, daß einer der Bootsbaumeister der Werft, den er kannte, eines Tages zu ihm gekommen sei. Er habe jetzt zwei Wochen Zeit, und hätte sich gedacht, daß es doch schön wäre, wo doch die Kinder so gern aufs Meer führen, mit ihnen ein neues Boot zum Segeln zu bauen. Zugleich würden sie etwas vom Handwerk und dem Umgang mit Holz lernen. Das Holz würde die Werft stiften. Und im übrigen hätten sich einige Meister des Ortes überlegt, daß sie alle abwechselnd kommen würden um bei der Ausbildung der Kinder zu helfen. Was Bergmann täte wäre schon gut, und es wäre auch gut ihm zu helfen. So gab es nun neben dem Ruderboot auch eine schlanke Jolle mit Gaffeltakelung, und wenn Janis und Nannerl Lust hätten, könnte eines der Älteren Kinder mit ihnen segeln gehen.

Johann-Georg war schon mit dem Takeln beschäftigt, schlug die Segel an, klarte die Fallen und zeigte ihnen, wie die Hölzer unter den Bug gelegt wurden um das Boot zum Wasser zu rollen. Vor dem letzten Schub sprang Nannerl ins Boot damit ihr langer Rock nicht naß wurde, dann schwamm es endlich. Sie ruderten bis sie die kleine Brandung hinter sich hatten und Johann-Georg setze die Segel. Bei leichtem Wind mit drei bis vier Stärken von See her kreuzten sie hinaus. Das Wasser gluckerte und platschte in gleichförmigem Takt gegen das Boot, und als einige Stunden vergangen waren, fühlte Nannerl Ruhe, Frieden und Gelassenheit, die den Kindern wohl so gut tat.

Erst gegen Abend kamen sie zurück, und Bauer Bergmann kam zum Strand. "Das war der erste Tag," sagte er.
"Heute habt ihr eine meiner wichtigsten Hilfen kennengelernt. Morgen zeige ich euch weitere. Die Tiere. Sie brauchen viel, ausdauernd und regelmäßig Fürsorge. Füttern, Tränken, Striegeln, Ausmisten, Weidegang, Melken, Aufziehen. Und das jeden Tag. Morgens mittags und abends. Dann der Haushalt. Putzen, Waschen, Kochen, Einmachen, Flicken, Nähen, Stopfen, Weben, Spinnen. Und nicht zuletzt alles durchwoben von Worten der Bibel und Gesang."
Bergmann sah sie an. Seine Augen lächelten freundlich. Nannerls Haar war vom Wind verweht, statt des Zopfes trug sie nur ein blaues Band. Janis' Mähne strebte wild in alle Richtungen und beide hatten vom Sonnenlicht erfrischte Haut. Bergmann mochte was er sah. Zwei junge Menschen mit offenen Herzen. 

Da gerade Zeit zum Heuen war und alle Kräfte gebraucht wurden, halfen beide in den nächsten Tagen fleißig, wo immer sie eingesetzt wurden. Zwischendurch gab es auch Stunden, wo sie segeln konnten, nach drei Ausfahrten hatten sie so viel gelernt, daß man ihnen das Boot bei leichtem Wind vertraute. Am Samstag war das Heu eingebracht, und sie gingen zum Hafen um zu sehen, ob neue Schiffe angekommen waren. 

Am Kai lag ein etwas heruntergekommener Schoner, dem man eine lange Fahrt bei rauhem Wetter ansah. Der hintere Mast wirkte angebrochen und man hatte mehrere Latten zur Verstärkung angenagelt, was das Heißen der Segel wohl sehr mühsam machte. Der Bug war vom Wellenschlag blankgescheuert und die Gallionsfigur hatte die Arme verloren. Man löschte gerade die Ladung. Der vordere Großbaum, vom Segel befreit, diente als Ladebaum und mit Winschen wurden große Netze voll mit Säcken aus den Luken gehievt. An Land, wo sie abgesetzt wurden, hatte sich eine große Schar Kinder eingefunden. Sie schrien und lärmten, weil ein afrikanischer Matrose mit schwarzem Kraushaar und Haut von Ebenholz einen der Säcke geöffnet hatte und daraus rote, glänzende Früchte verteilte. Sowas hatte man noch nie gesehen. Später hörten sie, daß das Schiff in Gambia gewesen wäre und eine Ladung Orangen für den Fürstlichen Hof mitgebracht hätte. Man hätte sie zwar unreif gepflückt und in der kühlen Bilge gelagert, aber einige wären doch schon überreif und würden jetzt verteilt. Die Kinder waren begeistert, nachdem der Mutigste es gewagt hatte die erste Orange zu schälen, wie es der Afrikaner gezeigt hatte und sie vergnügt aß.

Am Heck des Schiffes wehte die holländische Flagge und es hieß De Twe Gebreuders. Janis und Nannerl gingen zu den Kindern und bekamen auch je eine Orange. Nachdem alles verteilt war und das Löschen beendet, versuchten sie ihr Heil mit verschiedenen Sprachen. Englisch, wovon Janis ein paar Brocken kannte, wurde mit "Kannitverstan" beantwortet aber französisch, daß beide gut beherrschten, weil es in den herrschaftlichen Häusern noch gang und gebe war, sprach der Matrose fließend. Er kam aus Senegal, einer französischen Kolonie, und hatte als Junge bei den Holländern angeheuert. Er war oft in Gambia gewesen um seine Verwandten vom Stamm der Mandingo zu besuchen und hatte auch davon gehört, daß die Insel im Fluß einst ein Stützpunkt der Kurländer unter Herzog Jakob gewesen sei. 

Nannerl war begeistert. Sie luden ihn im Hafenkrug von Otto Warnecke zu einem Glas Apfelsaft ein und stellten sich vor. Er hieß Seku Turee und war sechsundzwanzig Jahre alt. Draußen wurden die Orangen auf eine Eilpost verladen, um bald nach Mitau gebracht zu werden. Ein fürstlicher Reiter schwang einen Sack hinter sich auf Pferd damit schon einige Früchte vor der Sendung auf der Sonntagstafel serviert werden konnten. Nannerl hatte plötzlich die Idee, daß es doch schön wäre, wenn Seku morgen zum Bauern Bergmann käme damit alle seine Geschichten hören konnten. Sie gingen zum Schiff, und der Kapitän bewilligte den Landgang mit Vergnügen. Er kannte wohl schon die Aufmerksamkeit, die sein Matrose in nördlichen Ländern erregte.

Am nächsten Tag kam Seku pünktlich zum Mittagessen, sonntags war besonders festlich gedeckt und es gab einen großen Schweinebraten. Oft gab es auch Fisch, aber heute hatte man gedacht der Seemann würde sich über Fleisch besonders freuen. Die Kinder waren vor Staunen so still geworden, daß man meinte sie wären gar nicht da. Nach dem Essen saßen alle im Garten unter einem großen Nußbaum im Schatten und Seku begann. Er erzählte von dem breiten Fluß, der aber auch so lang und tief war, daß man ihn fast dreihundert Seemeilen weit mit großen Schiffen hoch segeln konnte. Von Erdnußplantagen und Reisfeldern, von Löwen und Kühen mit langen Hörnern, von seltsamen Früchten und Vögeln, von Bäumen die im Wasser auf langen Wurzeln standen und vom Affenbrotbaum, der aussah, als ob er verkehrt herum wüchse. Nannerl übersetzte alles und hatte ihre Mühe all die vielen Fragen der Kinder in die richtige Reihenfolge zu bringen. Dann die Hafenstadt Bathurst, von den Engländern als Verwaltungszentrum gebaut, mit richtigen Straßen und Gebäuden aus Stein, einem gemauerten Hafenkai und dem Palast des Obersten Gerichtes und des Gouverneurs. Für seine Landsleute alles nie gesehene Anlagen. Auch eine Ölfabrik gab es, welche Erdnüsse verarbeitete. Das Öl diente teils zum kochen, zum größeren Teil ging es nach Frankreich zur Seifenherstellung.

Die Gambier lebten vom Fischen und kleiner Landwirtschaft. Gottseidank hatte die Verschleppung der Sklaven aufgehört und man konnte wieder ohne Angst die Kinder großziehen, Erdnüsse ernten und Feste feiern. Bei den Festen wurde viel gegessen und getanzt. Die Musik kam von Trommelgruppen, kleinere die mit Stöckchen traktiert wurden und größere die man mit dem Handballen und Fingern zum tönen brachte. Melodien lieferte ein Instrument mit verschieden langen und gestimmten Holzstücken, deren Klang durch Hohlkörper verstärkt wurde. Er hatte diese Melodien an der Ostküste Amerikas, wo sie in Carolina Baumwolle luden, wieder gehört und bald an der Sprache gemerkt, daß sie von Stammesverwandten gesungen wurden, die vor einigen Generationen dorthin als Sklaven kamen. Da war er lieber Matrose, auch wenn das Leben sehr hart war. Aber doch nicht so hart wie auf den Walfängern in Nantucket wohin sie schon Proviant gebracht hatten. Dort hatte er auch bei den Eskimo eine liebe Gruppe Missionare kennengelernt, sie nannten sich Brüdergemeinde, und hatte den Glauben angenommen. Bei ihm zu Hause war er von Marabus in einer Mischform von Naturglauben und Koran erzogen worden, aber die Idee vom Heiligen Krieg, die immer wieder im Lauf der Jahrhunderte viele Stämme vernichtet hatte, mochte er nicht. Alle waren von den Erzählungen, die noch viele Stunden dauerten, begeistert und gerührt, und Bauer Bergmann fragte weiter nach der Brüdergemeinde, weil er wußte, daß sie auch von der Zinzendorf'schen Lehre kamen. Er fragte nach einer Adresse dort und nahm sich vor in Briefkontakt zu treten. Nannerl fragte nach der Musik in Carolina und Seku holte eine Mundharmonika vor, ganz klein mit nur eineinhalb Oktaven und spielte schwermütige Weisen in Mollklängen, die aber einen guten Rhythmus hatten und wobei manche Töne mit den Lippen so gezogen wurden, daß halbe Töne höher oder tiefer lagen. Es klang fremd und so anders als die heimischen Volkslieder aber so schön und mitreißend, daß die Kinder anfingen sich im Takt zu wiegen und später kleine Tanzschritte machten. Janis fragte nach Schulen und Seku meinte, er hätte mehr Eskimo bei den Brüdern getroffen, die Lesen und Schreiben könnten als Gambier oder Senegalesen, er selbst hätte es vom Kapitän gelernt, der immer meinte, wer Lesen, Schreiben und Rechnen könne, würde auch bei übelstem Orkan nicht so schnell die Nerven verlieren. Er hätte das nun schon jahrelang so praktiziert und seine 'gelehrte' Mannschaft schnitte bei Gefahr besser ab als die seiner Kollegen Schiffsführer. Außerdem sei es eine gute Beschäftigung um die langen Zeiten in einer Flaute vergnügt zu verbringen. Vom Handwerklichen lernte auf so einem kleinen Schiff jeder alles und die Erlebnisse in fremden Ländern weiten den Horizont. Ältere Matrosen, die für immer an Land gegangen waren, hatten ihm berichtet, daß ihr Wissen und Können ihnen das Leben ohne Wellen und Sturm versüßt hatten, einige waren sogar Lehrer, andere Kustoden im Überseemuseum  von Leyden geworden.

Es war spät, die Kinder hatten sich verlaufen und Bergmann fragte, ob Seku nicht einen Wunsch hätte, den sie ihm als Dank erfüllen könnten.

"Ein Geschichtsbuch" sagte er, "nachdem ich ein Teil der Welt heute kenne, möchte ich auch wissen wie es war."
Sie gingen ins Haus und Bergmann zog aus seinem Bücherschrank eine gerade erschienene Geschichte Kurlands die mit Plettenberg begann und Seku war glücklich auch Gambia erwähnt zu finden. Nun fragte er nach Einzelheiten, was etwa Ritter seien, und bemerkte nach den Erklärungen von Nannerl, daß es bei den Mandingo auch Ritter gegeben hätte wie er den alten Überlieferungen, welche die Trommler bei Festen erzählten, entnähme. Eigentlich sei das Leben bei allen Menschen auf der Welt doch eher ähnlich als verschieden. Es sähe nur anders aus, und wenn man tiefer schaute seien alle Vorurteile nur dumme Ignoranz.

Es war schon Nacht, als sie Seku zum Schiff begleiteten. Im Westen war eine zarte Mondsichel zu sehen, im Süden glänzte der Jupiter und über ihnen leuchtete das Dreieck mit dem Adler und dem fliegenden Schwan an der Spitze. Seku dachte an das Kreuz des Südens, das er manchmal vermißte, Nannerl an das Märchen vom Kind mit den Sternthalern und Janis den Ausspruch des Königsbergers vom gestirnten Himmel über mir.

 

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