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20.5.1326

 


Die Sage vom Fisch, der singen lernt

Sturm, Meer, Wellen__Iwan Aiwasowski, Sturm 

20. Mai 1326

Bruder Egbert hatte sich von den Ordensrittern ein Pferd erbeten und war einige Stunden nach Westen geritten. Jetzt stand er am Strand des baltischen Meeres und schaute auf die Wellen. Ein leichter Wind warf kleine Wellen auf, die mit ihrem sanften, rhythmischen Murmeln den Sand hochliefen. Anders als beim Ozean gab es hier keine nennenswerte Dünung, und kaum spürbar Ebbe und Flut. Es war wie ein großer See, und hatte doch die Weite des Atlantik.

Sand kroch in seine Sandalen und er zog sie aus. Der Rappe hinter ihm schnaubte um sich bemerkbar zu machen und Egbert warf ihm die Zügel über den Hals. Das Pferd machte kehrt und kletterte die Düne wieder hoch um nach Gras zu suchen. Links mündete ein ziemlich breiter Fluß ins Meer. Ein guter natürlicher Hafen, und viel näher als der Landeplatz wo er angekommen war. Liv hatte ihm davon erzählt. Weiter oben konnte er noch die Reste alter Hütten sehen. Fischerhütten, die jetzt schon lange Zeit leer standen seit der letzte Aufstand der Menschen hier niedergeschlagen worden war. Sie wollten keine fremden Herren und sie wollten keinen erzwungenen Glauben und waren fortgezogen. Außer Reichweite des Ordens. Bruder Egbert konnte das verstehen. Er selbst vertraute mehr auf sein Vorbild, seine Arbeit und seine Fische. Wenn die Menschen ihn mochten, und sahen, daß er etwas gut und richtig machte, und spürten, daß er sie voll Demut als Gleiche behandelte, dann fingen sie an nach seinem Glauben zu fragen. Und wenn sie einmal den Halt spürten, den dieser Glauben geben konnte, einen Halt, der half ihr Leben zu meistern, dann wurde es möglich, daß Dauer entstand, daß der Keim der neuen Überzeugung blühen und gedeihen konnte.

Es war mittag. Der Sand war warm und weich und er setzte sich um zu vespern. Er hatte dem Rappen den Sattel abgenommen und holte nun aus der rechten Satteltasche ein Stück Brot, Speck und einen Lederbeutel mit Wasser. Den Lederbeutel hatte er auf dem Herbstmarkt in Wismar gekauft und der Händler behauptete, daß er aus Spanien stamme. Dort trug man so den Wein mit sich auf Reisen. Sehr praktisch, und angenehmer als die schweren Tonflaschen, die man im Norden kannte. Der Beutel hatte an der spitzen Seite einen Verschluß aus Horn gedrechselt und der Händler hatte ihm auch gezeigt, wie man sich die Flüssigkeit kunstvoll in den Mund spritzte ohne die Flasche mit den Lippen zu berühren.

Es war friedlich hier. Der Rappe trabte zum Fluß um zu trinken und fraß dann ruhig weiter, einige Möwen kreisten über dem flachen Wasser in Strandnähe um das Glitzern eines Fisches zu entdecken und sich dann im Sturzflug darauf zu stürzen, auf einer Saalweide am Flußufer hockte ein Fischreiher Paar und vor ihm suchten die Strandläufer nach Würmern und kleinen Muscheln. 

Er dachte an die Sage, die Liv ihm erzählt hatte. Hier, wo der Fluß zum Meer kam, lebte einst ein riesengroßer Fisch. Es war ein sehr wilder Fisch mit Schuppen so hart wie Kieselsteine und einem langen grauen Bart, denn er war uralt. Er lebte hier, weil er so gefräßig war und hier beides, die Meeres- und die Flußfische fressen konnte. Zwei Tage fischte er im Meer, zwei Tage fraß er im Fluß und dann machte er einen Tag Pause. Und so ging es schon seit ewigen Zeiten. Manchmal fraß er auch Menschen und Tiere, wenn sie zu nah ans Wasser kamen um zu baden oder ihren Durst zu löschen. 

Es war eine rechte Plage, denn diese Flußmündung wäre ein guter Platz gewesen um mit den kleinen, leichten Booten Schutz zu suchen, wenn es stürmte und das Meer wild wurde. So mußten die Boote woanders auf den Strand gezogen werden. Das ging ja noch, solange die Steigung nicht zu groß war, aber hoch auf die Dünen brachte man die Boote nicht hinauf. Wenn dann die Herbststürme kamen, und genau aufs Land zu wehten, konnte es passieren, daß bei besonders wildem Wetter das weite Meer so hoch auf den Strand gedrückt wurde, fast so wie bei einer Sturmflut, daß die Boote oft von den Wellen zerschlagen wurden. Immer, wenn eine neue Generation herangewachsen war, lachten die Jungen über die Alten, wenn sie allerlei Schreckliches von dem Fisch berichteten. Daß sei ja lächerlich, jeden Fisch konnte man fangen oder töten. Sie machten einen Plan, entwarfen neue Speere und raffinierte Netze aus immer stärkeren Tauen und zogen aus um gegen den Fisch zu kämpfen. Geklappt hat es nie. Der Fisch zerriß die Netze, zerbrach in seinem riesen Maul die Speere, und erwischte auch ab und an einen der Angreifer. 

So ging es viele tausend Jahre. Einmal war wieder eine neue Generation herangewachsen. Unter den jungen Männern, die im heiligen Hain die Weihen erhalten hatten war auch ein besonders glücklicher Sohn. Glücklich nannten ihn alle, weil er immer zufrieden schien und fröhliche Lieder sang. Egal was er machte, auch bei der schwersten Arbeit, dem schlechtesten Wetter, der größten Kälte und Hitze. Teils sang er Lieder die alle kannten, teils aber auch viele die er sich ausdachte. Kleine Lieder zu jeder Gelegenheit oder zu allgemeinen Dingen wie das Glück eines Kuchens, wenn er gut gelungen und mit Freude verspeist wurde. 

Als die Jungen sich nun wieder über den Fisch Gedanken machten war der Glückliche dabei. Als Einziger dachte so bei sich, daß die neuen Fangmethoden auch diesmal nichts nützen würden. Man müßte es anders machen. Vielleicht war der Fisch einfach unglücklich. Man mußte ihn nur glücklich machen. Wie war er selbst denn glücklich geworden? Durch die Töne, das Singen, die Musik. Aber ein Fisch und singen ? Wie sollte das denn gehen. 

Er schlich heimlich fort und ging zu der Flußmündung. Tagelang beobachtete er den großen Fisch. Das war schon unheimlich, wie der so kräftig den Fluß herauf schwamm, daß Wellen über die Uferböschung schwappten. Es war Mittsommer, und die Sonne war heiß und klar. Mit der ersten Dämmerung war der Glückliche auf und suchte sich sein Nachtlager erst wenn die Sonne lange untergegangen war. Er sang viel und merkte wie seine Stimme immer schöner wurde, wenn er die Sonnenstrahlen mit weit geöffnetem Mund in seiner Kehle aufnahm. Das war es. Er mußte nur die Sonnenstrahlen einfangen und dem Fisch zu fressen geben. Leichter gesagt als getan. Am Tag vor dem höchsten Sonnenstand fiel ihm endlich ein was zu tun war. Er sammelte am Strand einen ganzen Sack voll der goldenen durchscheinenden Kiesel, die aus gefrorenen Sonnenstrahlen bestanden - heute nennt man es Bernstein - und schichtete sie auf einen Stein, den er mannshoch auf der höchsten Düne auf einem Stangengerüst befestigt hatte. Die Sonne ging am nächsten Tag, dem längsten Tag des Jahres auf, und ihre Strahlen ließen die Kiesel erglühen und schmolzen die gefrorenen Kräfte. Gegen mittag sammelte er die Kiesel wieder ein und nähte sie in eine Fischblase. An einer langen Leine ließ er sie im Fluß schwimmen. Den Fisch hatte er zwei Tage lang im Meer gesehen, mal weiter draußen, mal in Küstennähe, und er mußte heute in den Fluß kommen. Er kam auch am Abend dieses längsten Tages, schwamm in die Mündung, roch die Fischblase und fraß sie gierig. 

Der Glückliche beobachtete ihn genau. Beim Runterschlucken schien etwas im Hals stecken zu bleiben. Der Fisch rülpste und hustete und spuckte und machte merkwürdige Luftsprünge. Dann schwamm er plötzlich ganz friedlich an der Wasseroberfläche. Die Abendsonne ließ die gräßlichen Schuppen wie goldenes Feuer glühen. Dann ging die Sonne unter, aber der Fisch glühte und leuchtete weiter. Plötzlich hörte der Glückliche einen sanften Ton. Dann noch einen. Dann eine kleine Melodie wie von einer schönen Hirtenflöte. Er ging den Tönen nach und kam immer näher an den Fluß. Konnte es war sein? Ja es war wahr. Der Fisch sang. Und war friedlich. 

Der Glückliche wollte sich opfern um das zu prüfen. Er zog sich aus und watete ins Wasser zu dem Fisch, der in der Nähe des Ufers schwamm. Er kam ganz nahe und der Fisch blieb ruhig. Er stellte sich vor ihn und sie sahen sich in die Augen. Fischaugen sind nicht sehr ausdrucksvoll, aber es schien, als ob sie sich verändert hätten und jetzt nicht mehr böse waren. So blieb er lange im Wasser und hörte den leichten und glücklichen Melodien des Fisches zu.

Der glückliche Fisch der sang, blieb noch viele Jahre in der Gegend. Die Fischer konnten ihre Boote ohne Furcht in der Mündung landen und immer mehr Menschen folgten dem Glücklichen der mit seinen Melodien Kinder, Pflanzen und Tiere prächtig wachsen ließ. Eines Tages war der Fisch doch endlich fortgeschwommen. Seither hoffen die Menschen, daß er einmal wiederkommt und man wieder die schönen Melodien hört, welche die Menschen glücklich machen.

Bruder Egbert nahm eine handvoll Sand auf und ließ ihn durch die Finger rieseln. Beim dritten mal blieb ein sanfter Bernstein übrig. Er glitzerte im Sonnenlicht. Eine merkwürdige Sage, die mit dem singenden Fisch. Aber der Bernstein sah wirklich aus wie von Sonnenstrahlen gewoben.

Am Horizont tauchte ein Segel auf. Ein leichter Südwind trieb es raumschots auf die Küste zu. Beim Näherkommen sah er, daß es nur ein kleines Boot war. Am Steuer saß ein etwas verwegen aussehender junger Mann mit wilden langen schwarzen Haaren und einer gestrickten dunkelblauen Mütze auf dem Kopf. In der Mütze stak eine große Adlerfeder. Das Boot hielt auf die Flußmündung zu und legte dann an dieser Seite an. Der Steuermann warf einen Anker mit langem Tau ans Land, holte das Segel ein, zurrte es fest, belegte die Pinne und sprang an Land.

Als er Bruder Egbert bemerkte, kam er näher und grüßte freundlich.

"Bonjour mon frère", er schien Franzose zu sein. Bruder Egbert verstand. Er hatte diese Sprache bei seinen Studien in Avignon gelernt, und erkannte auch die Diktion, die in Carcassone üblich war. Schon früh hatte er sich im Studium für die urchristlichen Strömungen interessiert und deren Verlauf in der Geschichte verfolgt. Das war den Oberen wenig genehm, ja eigentlich streng verboten, aber da er sowohl in der Mathematik als auch den landwirtschaftlichen Fächern Gutes leistete, ließ man ihn gewähren, wenn er nur nicht darüber sprach. In Avignon hatte er um 2 Monate Dispens gebeten um, wie er sagte, die Konstruktion und Mathematik der Festung Carcassonne zu studieren. Eigentlich wollte er aber Montsegur besuchen, die letzte Festung der Katharrer, und dort und in den Höhlen der Pyrenäen das Wesen dieser Gutmenschen auf sich wirken lassen. Der kurze Aufenthalt hatte nicht genügt, um die 'langue 'Oc' zu lernen, die Sprache der Region, die sich gegen die Abhängigkeit von Paris und der Oktroierung des Französischen noch heftig wehrte.

"Bonjour, und Gott mit Dir" erwiderte Bruder Egbert, "setzt dich und iß und trink etwas."
Der Fremde nahm dankbar an und setzte sich. Das grobe Hemd, die Hose, die geölten schweren Lederstiefel, der ungestutzte Bart, er schien ein einfacher Fischer aus dem fernen Süden zu sein, wenn nicht die klaren verständigen braunen Augen, feine Hände und harmonisch geschnittenes Gesicht auf anderes deuteten. Während der andere aß, sah Bruder Egbert sich nach dem Boot um. Es schien kräftig und seegängig gebaut, und hatte doch die feineren Linien, die auf arabischen Einfluß deuteten und die Geschwindigkeit versprachen. Das dreieckige Segel aus dunklem Tuch erkannte er auch als arabisch. Ein illuminierter Bericht eines Kreuzfahrers, den er in Avignon gesehen hatte, zeigte den selben Schnitt der Segel auf den Dhaus der Gegner.

Der Fremde war fertig, stand auf und stellte sich vor.
"Ich bin Raimund de Berenger. Ein Bastard aus dem großen Grafengeschlecht." Sie sahen sich an. Der Name Berenger konnte viel bedeuteten. Sollte Bruder Egbert nach den Katharrern fragen? Sollte Raimund mehr über seine Geschichte erzählen? Jeder Umgang mit Ketzern oder deren Lehre war verboten und wurde geächtet. Bruder Egbert sprach zuerst.
"Das Geschlecht, das alles verlor und unterging als der König dem Kreuzzug gegen die Ketzer beitrat um Land und Macht zu gewinnen?"
Raimund nickte. Er spürte in den Worten Land und Macht, die im Ton abfällig geäußert waren, daß er hier freier sprechen konnte.
"Ja. Dasselbe Geschlecht. Ein Ahn war damals nach Spanien, einst auch Berenger Land in die Berge geflohen. Eine Gruppe Gutbrüder und Gläubige fand Unterschlupf in einem kleinen Dorf bei Gleichgesinnten. Der Ahn heiratete eine Spanierin, aber da sie Verfolgte waren, wurde diese Hochzeit nie offiziell kirchlich. So nenne ich mich Bastard. Meine vornehme Herkunft kann ich kaum verleugnen, aber diese Bezeichnung schützt mich doch vor Verfolgungen in Frankreich. Der Staat verfolgt alle, die eventuell als rechtmäßige Erben Anspruch auf das enteignete Reich erheben könnten um mit Hilfe neuer und alter Allianzen wie etwa England darum zu kämpfen. Ich habe in Montpellier Musik studiert und mich dann als Hofsänger durchgeschlagen. Die Blüte der Minnezeit ist wohl vorbei, doch es ging so ganz gut. Mit einem schönen Wams mit silbernen Litzen, Spitzenhemd und meiner Laute konnte ich überall ungehindert Reisen und Wandern. Der Stand schützte mich vor Überfällen, höchstens mußte ich einer Räuberbande einmal vorspielen, und schützte auch vor Nachstellungen der Mächtigen, weil der Sänger meist als harmlos und einfältig gilt."
Jetzt war Bruder Egbert an der Reihe. Er erzählte ihm kurz von seiner Aufgabe hier und erwähnte auch seine Studien in Carcassonne so weit, daß der Andere den Eindruck bekommen mußte, er stünde diesem Christentum positiv gegenüber. Ein warmes Gefühl der Sympathie stieg in beiden auf. Raimund berichtete weiter.
"Es gibt noch kleine versteckte Gruppen, wo der Glauben überlebt hat und weiter gepflegt wird. Ich hielt die Kontakte und überbrachte Nachrichten. Bei einem Bastard, der auch noch Sänger ist, ein besserer Hofnarr, vermutete das niemand. Bis der Tag kam, wo auch bei uns, wie immer dort wo Menschen zusammen etwas wollen, ein Judas mich anzeigte. Ich konnte kurz vor den Häschern der Inquisition aus Nimes fliehen, ritt immer nach Westen, bis ich die Biscaya erreichte. Für diesen Notfall hatte ich immer gespart, das Gold in ein schweres Kreuz gießen lassen, das ich dann dem Eisen ähnlich rostig bemalte. Jetzt konnte ich das Boot da unten kaufen und hatte noch etwas für die Reise übrig. Es war das beste und schnellste Boot im Hafen. Segeln hatte ich bei Fischern von Bezier gelernt, und schon als Junge hatte ich alle Nachrichten von Reisen in die nördlichen Länder verschlungen. Später studierte ich alle Karten, die ich auf den Höfen und den Universitäten fand, genauestens. So konnte ich nach und nach eine genaue Karte der Küsten bis hierher zusammenstellen und trug sie immer bei mir. Ich hatte immer gedacht, wenn ich einmal mein Land verlassen muß, daß ich hierher kommen würde. Durch meine vielen Kontakte hatte ich gehört, daß damals, als man den Templer-Orden vernichtete, - dem einzigen Orden zu dem gute Beziehungen bestanden allein schon durch die Baugilde der Jakobsbrüder, - einige der Templer im Deutschen Orden Schutz gefunden hatten, und nun in den Ostprovinzen ihren Dienst taten. So bin ich hergekommen. Frag' nicht wie. Frag' nicht wieviele Stürme ich kaum überlebt habe, wieviel Durst und Hunger ich gelitten habe, wie oft nur die Schnelligkeit meines Bootes mit den guten arabischen Linien mich vor Briganten gerettet hat.
Raimund hatte sich längst wieder gesetzt und schaute nun aufs Meer. Er wirkte erschöpft als die Spannung der Erzählung nachließ. Bruder Egbert sprach als erster wieder.
"Ruh' dich aus. Dort drüben ist Schatten. Schlaf ein wenig. Ich warte hier auf dich und kümmere mich um dein Boot. Später kommst du mit. Ich glaube du wirst hier eine Heimat finden."
Raimund legte sich unter einen Baum und schlief ein. Bruder Egbert ging zum Boot, riß den Anker aus dem Sand, zog es etwa 50 Meter den Fluß hoch und vertäute es an einem Pfahl, der zu einem verrotteten Steg gehörte, den die Fischer einst gebaut hatten. Dann suchte er im Boot, bis er eine Stütze fand um den Gaffelbaum ordentlich zu verstauen. Das Segel faltete er auf dem Baum zusammen und zurrte es mit Bändseln fest. 

Beim Ausschöpfen der Bilge sah er auf einem Spant ein Brandzeichen. Die Muschel der Jakobsbruderschaft. Er dachte plötzlich an seine Zeit in Marseille, als er einmal mehrere Tage bei einem Bootsbauer Gast war. Es war aufregend gewesen zu sehen, mit welchem Geschick und Können der Meister das Holz bearbeitete, die Planken einpaßte, so genau, daß kaum Kalfatern nötig war. Der Meister zeigte ihm auch, wie man so schnelle und schöne Boote ohne Mühen baute. Nachdem Länge, Breite und Höhe des Bootes bestimmt waren, wurde ein Halbmodell im Maßstab eins zu zehn gefertigt. Ein Stück Holz mit den Maßen der größten Länge, und den Maßen der größten Höhe als Querschnitt wurde zurecht gesägt. Auf beiden Enden schlug man einen Viertelkreis der die Kanten berührte um einen Mittelpunkt, der sich in der Mitte des späteren Bootsdecks befand, d.h. an einer oberen Kante des Holzes. Nun teilte man den Kreisbogen in gleiche Abschnitte, deren Maß der größten Breite einer späteren Planke entsprach. Das Holz wurde nun wie eine geschnittene Melone längs so zersägt, daß spitze Dreiecke entstanden. Längs gingen sie vom Bug zum Heck, die Spitze zeigt den Kreismittelpunkt und die Basis den Verlauf der Beplankung. Die Teile wurden wieder zusammengefügt und nun der Bootsrumpf heraus gearbeitet. Nach Augenmaß entstanden die schönen Linien. Das wichtigste dabei war, daß beim Abhobeln darauf geachtet wurde, das an jeder Stelle des Bootes alle Planken die gleiche Breite hatten. Mittschiffs etwas dicker, an den Enden schmaler zulaufend. So konnte man später die Plankenmaße leicht abnehmen. Alle hatten so die gleiche Breite und verliefen gleichmäßig sich schmälernd zum Bug und Heck zu. Sie paßten auch sofort und erübrigten das ewige Dranhalten, Anzeichnen, wieder Abhobeln, das die Bootsbauer sonst als Hauptbeschäftigung hatten. Diese Bauweise war schnell, sauber und brachte auch stabile und trockene Boote hervor. Eine logische Überlegung sagte, daß beim Fahren an jeder Stelle des Rumpfes die gleich Menge Wasser verdrängt wurde. Es gab keine Wirbel. Das erklärte auch die Schnelligkeit seiner Boote. Abends erzählte der Meister von seiner Lehre. Als Geselle war es üblich, den Sternenweg, die Milchstraße nach Compostela zu erwandern. Es gab Bauhütten an vielen Stationen des Weges wo man das Handwerk lernte, und wo man in die Geheimnisse des Sternenweges, der schon lange vor christlicher Zeit bestand, eingeweiht wurde. Zurück aus Galizien bildete das Abschlußjahr der Lehrzeit die Schule der Bruderschaft in Chartre, wo man die Berechnungen der Salomonischen Bau- und Weltgeheimnisse lernte. Die Zahlenverhältnisse der Schöpfugsgeschichte. Bruder Egbert wäre gern nach Compostela gepilgert, aber seine Studienzeit war abgelaufen und er mußte zurück nach Magdeburg, wo sein Mutterkloster stand. Auch in Magdeburg traf er Pilger der Milchstraße und hörte gerne deren Berichte von den Bergen, den Hirten, den Klöstern, den Schönheiten des heiligen Weges.

Raimund wachte auf und sah sich um. Auf dem Meer wehte eine leichte Brise und das gleichmäßige Anrollen der Wellen brachte Frieden in seine Seele. Er ging zu Bruder Egbert, der am Flußufer saß und das Boot betrachtete. Dann holte er seine Laute unter dem Vorschiff hervor und setzte sich zu seinem neuen Freund. Vorsichtig packte er die Laute aus, stimmte sie und fing an zu spielen. Erst wiederholten sich wenige Töne, drei, dann vier, dann fünf, ein weiterer Finger begleitete mit Terz und Quinte, Harmonien kamen dazu und Akkorde, bis endlich das Spiel im Einklang mit Raimund Stimme wie ein vielstimmiger Choral klang. Langsam ebbte es ab, neue Tonfolgen kamen dazu, erst sanft, und dann sich wieder zum Crescendo steigernd. So ging es lange fort. Manchmal klang es wie die Gesänge im Kloster, manchmal wie lustige Tanzweisen der Bauern, dann wieder wie ein Hochamt im Dom. Die Klangfolgen erinnerten mal an gregorianische Noten, mal an muselmanische Weisen, dann wieder an Lieder aus Occitanien oder das schwermütig eintönige Singen normannischer Fischer.

Bruder Egbert war begeistert. So vielfältige und schöne Musik hatte er noch nie gehört, auch nicht in Montpellier, wo oft spanische Studentengruppen zu den jährlichen Musikwettstreiten kamen. Raimund würde sicher einen Platz in der Ordensschule finden. Die trockenen Ritter taten sich schwer die Fächer Kunst und Musik zu bestreiten und wären sicher froh einen solchen Meister in ihrer Schule zu haben. Seine Melodien würden nach und nach auch die heimischen Lieder befruchten. Was für ein Zusammentreffen, erst die Erinnerung an die Sage vom singenden Fisch und dem Glücklichen, und jetzt dieser Sänger und Spielmann, der die Kunst der kleinen Lieder und großen Harmonien so gut beherrschte. Das war es ja auch was hier in der Lehre noch fehlte, der Lehre, die westeuropäische Kultur nach Livland bringen wollte, es fehlte, daß Kultur als starke Säule neben Latein, Mathemathik, Grammatik und Logik bestand.

Der Rappe hat genug gefressen, trottete zum Fluß um zu trinken und kam auf die beiden zu, wie um sich die neue Last anzuschauen, die er tragen würde.
 

 

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