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5.9.2031

 


Jakob, die Kuhfladen, die Kinder und die Landwirtschaft

Vision der Gläsernen Kette__Helmut Finsterlin, Architekturlandschaft 

5. September 2031

Jakob stand am Fenster seines Büros und schaute in den Park. Die ersten zwei Schulstunden waren vorbei und jetzt hatte er eine Stunde Pause um sich auf die nächste Stunde zu konzentrieren. Jeder Lehrer hatte ein Zimmer in der Schule und den Ledigen war frei gestellt auch dort zu wohnen. Die Einrichtung konnte jeder selbst bestimmen. Ein Feldbett mit Schlafsack, vor dem Fenster ein Tisch mit ein paar Stühlen, in einer Ecke ein dicker handgewebter Teppich mit einem bequemen Sessel und einer Stehlampe dahinter zum Lesen und an der gegenüberliegenden Wand einige Bücherstapel auf dem Dielenboden, das wars schon was er brauchte um sich wohl zu fühlen. An den Wänden hingen zwei Hafenscenen, Radierungen von Claude Lorrain, ein Stierkampfplakat aus Aranjuez, eine Weltkarte, eine große Tafel für seine Notizen, gerade hatte er einen logischen Stammbaum der Transzendenz an sich gezeichnet, ein Plakat mit Süßwasserfischen und Krebstieren, ein Photo mit Segelschiffen im Triester Hafen von 1889 und eine Zeichnung von unbekannter Hand, die Faust zeigt wie er mißmutig auf die großen Werke seines Reiches blickt und hinter ihm strecken Engel und Teufel die Hand nach ihm aus wobei der Engel schon näher dran ist, was auch der Text - wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen - bezeugt.

Seine Gedanken kreisten - wie so oft - um das gleiche Thema. Wie kann ich die Schüler erreichen, wie kann ich ihnen Wissen vermitteln, wie sie in Geschichte und Kultur der Menschheit einbetten, und wenn ich das alles habe, wenn Bildung in ihrem Wesen einen dauernden Platz gefunden hat, was macht sie zu moralischen Menschen, und wenn das alles erreicht ist, was bleibt dann für die Landwirtschaft übrig? Warum nicht Bücher schreiben, wenn man so viel studiert hat, warum nicht musizieren, wenn man so viel geübt hat, warum nicht Lehrer werden, wenn man so viel gelernt hat, warum nicht verwalten, wenn man den gesunden Menschenverstand so geübt hat, warum nicht in der Medizin forschen, wenn man den Menschen soviel helfen kann, warum nicht hundert andere und wichtige Dinge tun, wenn Bauer sein nur heißt, daß man ein wenig Essen produziert, das gekaut, geschluckt, verbrannt und ausgeschieden wird. So wie es in der heutigen Zeit des Intellektes ein langer und für den Verstand dornenreicher Weg ist zum Bewußtsein einer geistigen Welt zu kommen, der Glaube, den man als Kind bekommen hat von lieben Menschen trägt nicht mehr ein ganzes Leben lang, so ist es ein langer und mühsamer Weg zum Ursprung des Daseins, der Nahrung und deren Bedeutung für die Weiterentwicklung oder auch nur den Fortbestand der Menschheit. 

Plötzlich kam ihm eine Idee. Er nahm seine Schiffermütze mit dem schwarzen Schirm vom Hacken, setzte sie auf und ging zu den Ställen. Im Kuhstall roch es nach Heu, Silage und Kuhmist. Er kletterte im Heu nach oben und sprang dann runter. Feinster Heustaub flimmerte in den Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen fielen, Heustaub kitzelte zwischen Hals und Hemd, reizte zum Niesen, und es roch so stark nach gemähten, getrockneten Wiesen, wie nur mit Kompost gedüngte Gräser riechen konnten. Mit der Gabel grub er ein Loch in den Haufen Maissilage und steckte fast den Kopf hinein. Scharf, süß, fast betäubend. Dann griff er in einen Kuhfladen und quetschte die dunkelgrüne glitschige Masse durch die Finger. Es war noch etwas warm, matschig und roch wie Kuhmist eben riechen soll. Angenehm. 

Im Schweinestall mischte sich der etwas beißende Mistgeruch mit gekochten Kartoffeln und den Ausdünstungen der Tiere. Er lauschte lange dem friedlichen Grunzen der Muttersau, die mit ihren Ferkeln eine gemütliche und sichere Ecke im Stall bewohnte. Sie lag satt auf der Seite, einige Ferkel wühlten im Stroh, andere verfolgten sich mit erhobenen Schwänzchen, zwei hingen an den Zitzen und nuckelten.  Jakob kraulte die rauhe Schwarte der Mutter am Nacken. 

Für alles gibt es eine richtige Zeit und viele falsche Zeiten, dachte er. Jeder Mensch hat seine Sternstunden, wie Zweig so schön beschrieben hat. So hat auch jedes Wissen, jede Entwicklung, jedes Fortschreiten seine richtigen und falschen Momente, die nur von starken Seelen durchbrochen werden können. In der Kindheit lernt man besser Rechnen, Lesen und Schreiben, am Beginn der Erwachsenenzeit die Philosophie, im Alter die Weisheit. Für Geometrie und Physik braucht man die Augen, für Poesie und Musik besonders die Ohren, für die Liebe zur Landwirtschaft die Nase, Geschmacks- und Tastsinn der Kinder. Es sind die Gerüche der Tiere, die verschiedenen Düfte der Misthaufen, ob Schwein, Pferd, oder des Königs der Düngung der Kuhmisthaufen. Die warme Milch aus dem Euter in den kindlichen Mund gespritzt, der Honig, der golden aus der Zentrifuge aufs Brot tropft, die Buttermilch, die nach langem Drehen des Butterfasses, während dessen man fast dröhnend eingeschlafen war, so frisch schmeckte, die sanfte Zunge des Kälbchens, die das Salz der verschwitzten Hand ableckte, der feuchte Geruch frisch gedroschenen Korns, das Heu in der Scheune, und die Angst wenn man unter den Balken lange Gänge im Heu grub, die in der Sonne gereiften Tomaten, die Kartoffelfeuer mit dem verkohlten Äußeren und dem heißen weichen Inneren der gebratenen Kartoffeln, die Kirschen im heißen Sommer vom Baum stibitzt, das frisch gebackene Brot, die Bratkartoffeln mit Quark, die Beeren des Waldes, die Regenwürmer im umgebrochenen Acker, die eklig und aufregend in der Hand sich ringelten, die niedlichen Küken, die taufrischen Frühjahrsmorgen wenn Gras für die im Stall Bleibenden gemäht wurde, die Samstagabende, wo man nachdem der ganze Hof gekehrt war endlich im Dämmern Verstecken spielte, und manchmal ein Kuhfladen, den man im Dunkeln übersehen hatte, zwischen den nackten Zehen quoll, die stundenlangen Fahrten im Leiterwagen zur Mühle mit Getreide, und die langen Fahrten zurück in der Nacht mit dem Mehl wenn Glühwürmchen ihre Zeichen in das Dunkel malten, die Käuzchen schrien und allgemein alles furchtbar unheimlich war.

Das alles später nachzuholen, die Gerüche so intensiv mit Sehnsucht zu empfinden, die ungeheure Vielfalt der Tastgefühle im Bauerndasein als Reichtum zu sehen, eine Vielfalt, die der Städter nie erreichen kann, die Nähe zu den Tieren, ihre Charaktere, Freude, Wildheit, Zorn, Dankbarkeit, kurz das aufeinander Angewiesensein, dasselbe, wenn auch nicht so deutlich wahrnehmbar bei den Pflanzen, dem Wetter, der Erde, den Steinen. Kurz die Persönlichkeit eines Hofes, die sich nach längerem Geben und Nehmen zwischen allen Tieren, Pflanzen, der Erde, der Umwelt, dem Wetter, dem Menschen und den Geistern entwickelt, diese Persönlichkeit zu erkennen und zu lieben, das macht den guten Bauern aus. Lesen soll er, Rechnen und Buchführung muß er kennen, Kultur und Allgemeinbildung müssen heute sein Rüstzeug sein, aber ohne die ersten wichtigen Eindrücke für Geruchs- und Tastsinn in der Kindheit und Jugend wird das Gespräch mit der Natur des Hofes leicht abstrakt bleiben und statt den Worten der Tiere und Pflanzen zu lauschen, die ihm sagen was er tun soll, ist er auf Bücher angewiesen, die nur allgemein sein können und diesen, seinen Hof bestimmt nicht kennen.

Er nahm einen Kuhfladen, ging durch den Küchengarten wo er ein paar Stengel Schnittlauch abriß und aß und dann zurück zur Schule, um die nächste Stunde zu lehren. Die Kinder wunderten sich zwar etwas darüber was der Kuhfladen im Wissenschaftsunterricht sollte, aber fanden es dann ganz aufregend Umfang und Volumen zu bestimmen, Dichte und Substanz zu erfahren und zu berechnen, unterm Mikroskop das Leben zu beobachten, Schlüsse auf die Nahrung und Gesundheit der Kuh zu ziehen, von der chemischen Zusammensetzung zu hören, Die Kreisläufe von Stickstoff und Kiesel zu zeichnen, und endlich am Ende des Unterrichts einen Wettbewerb zu veranstalten wer am besten das Muhen einer zufriedenen Kuh und eines zornigen Stieres nachmachen könnte. 

Da bei einer Umfrage nur ein Drittel der Klasse sich an das Gefühl erinnerte, das ein weicher Kuhfladen zwischen den Zehen hervorquellend machte, verabredete man sich für den Nachmittag auf der Heidiwiese, wo jetzt am Morgen die Herde gegrast hatte. Es war ein beliebter Platz, ein leichter Wiesenhang mit drei mächtigen Tannen unter denen man im Gras liegend das eigentümliche Rauschen hören konnte, das Heidi so schön beschrieb. Nicht weit sah man einen der Fischteiche, und im Frühjahr rasteten dort oft Gänse. Im frühen Morgendämmern, so erzählten die Älteren Schüler den Kleinen, vermeinte man auch oft den kleinen Nils Holgerson rumhüpfen zu sehen bevor er auf eine Gans zum Weiterflug kletterte.

Punkt zwei Uhr saßen Jakob und die Klasse unter den Tannen. Die Herde hatte viele Gräser und Blumen stehen lassen, es gab genug Grünland um ständig zu wechseln, was für den Gesamthaushalt der Wiese besser war als ein Kahlfraß, der eine neue Aussaat durch eigene Samen sehr verzögerte, und Jakob wies die Kinder auf das Summen der Bienen hin, die in geordnetem Chaos die Blüten besuchten um Nahrung zu sammeln. Gleichzeitig webten sie mit ihren Flügen ein dichtes Netz von unsichtbaren Wegen, und verbreiteten so die Lebenskraft, die alles gedeihen läßt. In Gruppen zu zweit zogen die Kinder los um vorsichtig den Weg einer Biene zu verfolgen und vielleicht zu sehen ob ein erkennbarer Plan oder Rhythmus in ihrem Flug lag. Der Flugplan war kaum zu ordnen, aber das Summen hatten doch einen Rhythmus. Je nach Schnelligkeit schwoll es an oder ab, dann die Stille beim Saugen in der Blüte, dann das Ganze von vorn. Je nach Charakter folgten einige still einer Biene oder rannten wie wild hinter einer anderen zum Stock heimkehrenden her. 

Nach drei Stunden und vielen entsetzten oder lustigen Schreien hatten alle Kuhmist zwischen den Zehen und Jakob war zufrieden. Man wusch sich am Bach unten im Tal und lagerte dann wieder unter den Tannen. Jakob schnitt mit seinem Taschenmesser von einem großen Laib Brot, den er gegen seine Brust preßte, halbe Scheiben ab und verteilte sie zusammen mit einem Landjäger an die Kinder. Diese Vesper, noch bereichert durch einen Krug Buttermilch, war immer sehr begehrt. Nach der Vesper erzählte Jakob von Gullivers Reisen das Abenteuer wo er in das Land der Pferde kommt, wo die Pferde sprechen und denken können und die Menschen niedere Geschöpfe sind. Dort können die Pferde die doppelte Moral der Menschen nicht verstehen, es nicht verstehen, daß man lügt, oder tötet wo das doch verboten ist.

Der Tag ging zur Neige. Die Schüler schliefen schon als Jakob leise durch die Säle schlenderte. Einige lagen auf dem Rücken mit offenem Mund, das würden später die Schnarcher werden, andere auf der Seite mit angezogenen Beinen, eingerollt wie Igel um sich zu schützen oder damit die Wärme der Glieder sich gegenseitig unterstützte, auf dem Bauch liegend gab es nicht wenige, den Kopf auf den angewinkelten Arm gelegt, man konnte spüren wie das Blut den Körper ruhig und gelöst durchpulste. 

Der Spruch, der jeden Abend mit den Kleinen gebetet wurde, ging ihm durch die Gedanken - Vom Kopf zum Fuß, von Herz zur Hand bin ich Gottes Kind... - hier schliefen die Wesen, von denen einige einmal weiterstreben würden, die der Nahrung der Menschen wieder ihre Bedeutung zurückgeben werden, die Nahrung, die in der richtigen Art erzeugt die Erde heilen, die Kräfte der Sterne verfügbar machen und so den Seelen die Kraft geben wird eine neue starke Gemeinschaft aufzubauen.
 

 

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